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Der Körper als Spiegel der Seele – Psychosomatische Erkrankungen erkennen

Montag, 1. Oktober 2018 bis Montag, 15. Oktober 2018

Sicher haben Sie schon die Erfahrung gemacht, dass sich seelische Probleme auch körperlich bemerkbar machen können. Der Volksmund hat dafür viele Redensarten parat: Ein Problem „liegt mir im Magen“, Liebeskummer „bricht mir das Herz“, bei Ärger „geht mir die Galle hoch“. Was wir so locker daher sagen, ist Ausdruck eines engen Zusammenhangs zwischen Körper („Soma“) und Seele („Psyche“). Beide beeinflussen sich wechselseitig.

Zusammenspiel von Körper und Seele

Die Psyche leidet, wenn es dem Körper schlecht geht, etwa bei langanhaltenden Schmerzen oder bei chronischen Krankheiten wie Asthma, Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Umgekehrt spüren wir körperliche Auswirkungen, wenn es der Psyche schlecht geht – wenn wir zum Beispiel Angst haben, unter Stress stehen oder uns überfordert fühlen. Der Grund dafür ist, dass zwischen Gehirn und restlichem Körper ein reger Austausch von Blut, Botenstoffen und elektrischen Signalen stattfindet. Das medizinische Fachgebiet der Psychosomatik befasst sich mit diesem Zusammenhang. Die psychosomatische Medizin betrachtet den Menschen ganzheitlich und widmet sich denjenigen Krankheiten und Beschwerden, die durch psychische und psychosoziale Faktoren maßgeblich mit verursacht werden. Nicht alle unklaren körperlichen Beschwerden sind zwangsläufig psychisch bedingt. Oft erfordert die fachkundige Diagnose von komplizierten Krankheitsbildern einige Zeit und verschiedene Untersuchungsverfahren, so dass man nicht vorschnell von einem psychosomatischen Geschehen ausgehen sollte, wenn die Krankheitsursache nicht gefunden werden kann.

Dennoch können bei etwa einem Drittel der Patientinnen und Patienten dauerhaft keine organischen Ursachen für bestehende Beschwerden diagnostiziert werden. Es ist anzunehmen, dass bei ihnen psychische Faktoren für die Entstehung und Aufrechterhaltung der Symptome eine große Rolle spielen. In solchen Fällen spricht man von „somatoformen Störungen“. Sie können ganz unterschiedliche Erscheinungsformen haben.

Viele körperliche Beschwerden haben psychische Ursachen

Manche Patientinnen und Patienten klagen über Herz- und Kreislaufbeschwerden: Sie haben ein Druckgefühl oder Stiche in der Brust, können nicht mehr richtig atmen, das Herz stolpert oder rast. Andere haben Magen- oder Darmprobleme: Ihnen ist ständig schlecht, der Bauch bläht sich auf oder schmerzt, sie leiden unter Sodbrennen, Durchfall oder Verstopfung. Manche werden von Schmerzen im Rücken, in Armen und Beinen, in den Muskeln oder im Kopf geplagt. Wieder andere sind chronisch erschöpft und ausgelaugt, ihnen fehlt jede Energie. Auch Schwindelgefühle, Schweißausbrüche, Störungen der Blasenfunktion und Sexualstörungen gehören zu den somatoformen Störungen, für die sich häufig keine körperliche Ursache oder Erklärung finden lässt.

Menschen, die derart leiden, haben oft eine Odyssee durch die unterschiedlichsten Arztpraxen hinter sich und ergebnislos zahlreiche Diagnoseverfahren durchlaufen. Zu den Beschwerden kommt bei vielen die Angst, dass es sich womöglich um eine schlimme, vielleicht seltene Krankheit handeln könnte, die bislang übersehen wurde. Studien zeigen, dass es bis zu sieben Jahre dauert, bevor Störungen als somatoform erkannt werden und die Patientinnen und Patienten in psychotherapeutische Behandlung überwiesen werden. Das liegt auch daran, dass viele Betroffene sich nicht ernst genommen fühlen, wenn ihnen die Hilfe eines Psychiaters oder Psychotherapeuten nahegelegt wird. Dabei wäre die Empfehlung wirklich zu überdenken, denn eine Therapie kann helfen, die Ursachen der Beschwerden aufzudecken.

Entstehung und Aufrechterhaltung der Symptome

Wie entstehen somatoforme Krankheiten? Chronische Anspannung, Überforderung, dauernde Angst, Gefühle von Hilflosigkeit und Einsamkeit führen zu unterschiedlichen körperlichen Reaktionen: Sie belasten zum Beispiel den Stoffwechsel, das Immunsystem und die Organe, sie stören den Schlaf und führen zu einer Verkrampfung der Muskulatur. Halten die Belastungssituationen und die darauf erfolgenden organischen Reaktionen über längere Zeit an, können manifeste Schmerzen und andere körperliche Symptome daraus entstehen. Für die Betroffenen führen diese Beschwerden meist zu noch größerem Stress, der wiederum die Symptome verschlimmern kann – ein Kreislauf, der sich selbst aufrechterhält.

Studien zeigen, dass das Gefühl von Einsamkeit und sozialer Isolation beispielsweise das Risiko von Herzkrankheiten, Schlaganfall, Bluthochdruck, Lungenkrankheiten, Übergewicht, Diabetes und Krebserkrankungen erhöht. Zudem spielen sich emotionale Konflikte, Kränkungen, Schuld- und Verlustängste häufig im Verborgenen ab. Wir nehmen sie nicht bewusst wahr, verdrängen sie, weil die Auseinandersetzung mit ihnen schmerzhaft wäre und praktische Konsequenzen erfordern würde. Verdrängung kann im Alltag ein probates Mittel sein, um sich nicht ständig mit den Widrigkeiten des Lebens auseinandersetzen zu müssen. Aber Verdrängung kann auch krank machen: Körperliche Krankheiten dienen dann der Psyche als Abwehrmechanismus, um sehr schmerzhafte Wahrheiten nicht ins Bewusstsein kommen zu lassen.

Krankheitsgewinn

In der Psychotherapie geht man davon aus, dass psychosomatische Krankheiten für die betroffene Person auch einen psychischen Nutzen haben können. Wer sich zum Beispiel im tiefsten Herzen damit quält, einem anderen Menschen einen Schaden zugefügt zu haben, findet es unbewusst vielleicht richtig, körperlich leiden zu müssen: So kann die Schuld vermeintlich abgetragen werden. Eine Psychotherapie trägt dazu bei, die psychische Ursache der Beschwerden herauszufinden und eine Lösung zu erarbeiten. Im einfachsten Fall kann eine Entschuldigung oder eine Aussprache mit dem Menschen, dem man Unrecht zugefügt hat, Entlastung bringen und die körperlichen Symptome damit überflüssig machen.

Ein anderes Beispiel: Jemand fühlt sich von der Partnerin oder vom Partner vernachlässigt und leidet seelisch darunter. Körperliche Beschwerden können dann ein unbewusstes Mittel sein, auf sich aufmerksam zu machen. Selbst wenn sich die Partnerin oder der Partner immer noch desinteressiert verhält, gewinnt die betroffene Person die Aufmerksamkeit der Ärzte und kann damit das mangelnde Interesse in der Beziehung ausgleichen. Deutlich hervorzuheben ist, dass diese Vorgänge unbewusst ablaufen. Es steckt meist eine sehr verzweifelte Seele dahinter, wenn sich schmerzhafte körperliche Symptome und Krankheiten ausbilden, um psychische Konflikte zu umgehen.

Therapiemöglichkeiten

Somatoforme Krankheiten neigen dazu, sich zu verselbstständigen und zu verschlimmern. Je früher man sie angeht, umso besser sind sie zu therapieren. Wenn Sie daher schon mehr als sechs Monate unter Symptomen mit scheinbar unbekannter Ursache leiden und sowohl haus- als auch fachärztliche Behandlung keine Besserung gebracht hat, sollten Sie psychotherapeutische Hilfe aufsuchen. Diese finden Sie bei Psychologen oder Ärzten mit psychotherapeutischer Zusatzausbildung. Eine Psychotherapie kann Ihnen helfen, sich selbst und Ihre Lebensumstände besser zu verstehen und alternative Lösungsstrategien aufzubauen. Zusätzliche Entspannungsmaßnahmen tragen dazu bei, sich von innerem Druck zu befreien. Der zeitlich limitierte Einsatz bestimmter Medikamente, sogenannter Psychopharmaka, wird ebenfalls oft erwogen.

Das Wichtigste aber ist, dass Sie verstehen: Eine somatoforme Störung ist kein Zeichen von persönlicher Schwäche, sondern ein Hilferuf Ihrer Seele – und es gibt Menschen, die Ihnen bei der Bewältigung helfen können.

© Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG)
Text: Dr. Beatrice Wagner, www.beatrice-wagner.de


 

Weiterführende Links

Mehr zum Zusammenhang von Einsamkeit und Krankheit

Einführung in die Psychosomatikvon Dr. Doris Wolf

Zu den Schwierigkeiten bei der Diagnose und Behandlung psychosomatischer Erkrankungen

 


 

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