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Wer lesen kann, lebt gesünder – Menschen auf dem Weg zur Schrift unterstützen

Montag, 15. Februar 2021 bis Sonntag, 28. Februar 2021

Wer lesen kann, ist klar im Vorteil – dieser flotte Spruch wird meist scherzhaft verwendet. Der Umkehrschluss ist für viele Menschen aber bitterer Ernst: Wer nicht lesen kann, ist eindeutig im Nachteil. Was viele nicht wissen: Es gibt in Deutschland ca. 6,2 Millionen Erwachsene, die als funktionale Analphabeten gelten. Das heißt, sie haben Lesen und Schreiben zwar gelernt, können es aber nicht einsetzen. Sie erlesen einzelne Wörter und oft auch Sätze, aber keine zusammenhängenden Texte. Letztlich erschwert dies ein selbstbestimmtes Leben. Und es kann erhebliche Auswirkungen auf die Gesundheit haben.

Untersuchungen belegen regelmäßig, dass Menschen mit niedrigem Bildungsniveau eine schwache Gesundheitskompetenz besitzen: Ihre Kenntnisse über gesundheitliche Zusammenhänge sind deutlich schlechter als in Vergleichsgruppen. Wer noch dazu nicht lesen kann, versteht weder schriftliche Therapieanweisungen noch Beipackzettel, kann seine Medikamente im Notfall nicht benennen, ignoriert Angebote der Krankenkasse zur Gesundheitsvorsorge und Krankheitsfrüherkennung, kann Hinweise zur Baby- oder Kinderernährung nicht lesen, übersieht Gefahrenhinweise am Arbeitsplatz sowie Gesundheitsthemen in Zeitungen und Magazinen.

Gerade im Sinne von Gesundheitsförderung, Prävention und medizinischer Versorgung ist es daher wichtig, Menschen mit Lese- und Schreibschwäche zu erkennen und sie auf dem Weg zur Schrift zu unterstützen.

Woher kommt die Lese- und Schreibschwäche?

Betroffene berichten, dass sie als Kind kaum Unterstützung und wenig Vorbilder für das Lernen hatten. Schwierige familiäre Situationen, etwa die Trennung der Eltern, führten zu schlechten Schulleistungen, ebenso lange Fehlzeiten wegen Krankheit. Kinder, die erst im Schulalter mit ihren Eltern nach Deutschland gekommen sind, hatten oft keine Chance mehr, die Schriftsprache zu erlernen. Irgendwann war die Schule dann vorbei, und „man brauchte das Lesen und Schreiben nicht mehr“, verlernte das bisschen, das man vielleicht beherrschte.

Die meisten Menschen leiden darunter, dass sie nicht lesen und schreiben können. Der Leidensdruck wird oft dann besonders groß, wenn bestimmte Lebensereignisse anstehen: Man will eine feste Beziehung eingehen und nicht länger etwas vortäuschen. Man möchte am Leben der Kinder in Kita und Schule teilhaben. Oder man sucht eine neue Arbeit. Derartige Veränderungen führen oft zu dem Entschluss, „es jetzt endlich anzugehen“. Der Weg zur Schrift kann jedoch anstrengend sein: In der Regel dauert es Jahre, eine umfassende Lese- und Schreibkompetenz zu erwerben. Manche der Betroffenen brauchen mehrere Anläufe, oder sie wissen nicht, wohin sie sich wenden können.

Erkennen – ansprechen – informieren

Umso wichtiger ist es, die Menschen da abzuholen, wo sie sowieso hinkommen. Vor allem Personen im Gesundheits- und Sozialwesen, in Behörden und Beratungsstellen, aber auch im Beruf oder in der Schule bzw. Kita sollten im Hinterkopf haben, dass jemand vielleicht nicht lesen und schreiben kann und auf entsprechende Hinweise achten.

Das ist meist gar nicht so einfach, denn die Betroffenen entwickeln umfassende Strategien, um ihre Schwäche zu kaschieren: Formulare werden mit nach Hause genommen, um sie „sorgfältiger ausfüllen zu können“. Oder die Brille wurde zu Hause vergessen. Vielleicht ist auch gerade die Hand verstaucht, so dass jemand mitgebracht wird, um die schriftlichen Angaben zu machen.

Dies sind typische Anzeichen für mangelnde Lese- und Schreibkenntnisse:

  • Schreiben und Lesen wird vermieden
  • Anschreiben bleiben unbeantwortet, schriftliche Hinweise werden nicht befolgt (z.B. Schreiben der Krankenkasse, schriftlicher Hinweis auf Vorsorgeuntersuchungen, ärztliche Verordnungen, Elternbriefe der Kita und Schule, Hinweise von Vereinen, Aufforderungen des Jobcenters oder der Arbeitsagentur)
  • Maßnahmen, die Schreiben und Lesen voraussetzen, scheitern (z.B. Ausfüllen eines Fragebogens in der ärztlichen Praxis oder im Krankenhaus, Anträge, Bewerbungstrainings)
  • Hinweis- und Gefahrenschilder werden nicht beachtet, Türschilder (z.B. Wartezimmer, Behandlungszimmer) werden nicht erkannt.

Haben Sie aufgrund mehrfacher Vorkommnisse die Vermutung, dass ein Patient, eine Klientin, ein Kunde oder ein Elternteil nicht oder nicht ausreichend lesen und schreiben kann, sollten Sie das Thema offen und wertschätzend ansprechen – denn das Thema unter den Tisch zu kehren, hilft niemandem. Viele Betroffene haben nicht den Mut, sich zu ihrem Problem zu bekennen. Ein vorsichtiger Fingerzeig aber, dass man die Problematik kennt, Verständnis hat und den Menschen deswegen nicht abwertet, kann entlasten und zum Gespräch motivieren. Viele Betroffene sind froh, wenn das jahrelange Versteckspiel ein Ende hat.

Das AlphaPortal für Grundbildung und Alphabetisierung in Rheinland-Pfalz rät Kontaktpersonen

1. den richtigen Zeitpunkt für die Ansprache zu wählen. Dazu gehört, spontan zu reagieren, wenn es einen konkreten Schreib- oder Leseanlass gibt oder sich auf ein geplantes Gespräch in einer Beratungssituation gezielt vorzubereiten.

2. die richtige Atmosphäre sicherzustellen. Dazu gehört, Störungen durch Dritte zu vermeiden, Vertrautheit und Anonymität zu gewährleisten und sich Zeit zu nehmen.

3. das Gespräch mit Bedacht zu führen, das heißt

  • keine Vorwürfe oder Schuldzuweisung machen
  • eine aggressive Rückmeldung nicht persönlich nehmen
  • Aufmerksamkeit und Wertschätzung signalisieren
  • Anonymität zusichern
  • auf Fähigkeiten und Kompetenzen konzentrieren
  • konkrete Hilfsmöglichkeiten und Ansprechpersonen nennen
  • Mut machen, dass man Lesen und Schreiben auch im Erwachsenenalter noch lernen kann.

Das kann den betroffenen Menschen helfen, ihre Defizite aktiv anzugehen. Endlich etwas dazuzulernen, Erfolge beim Lesen und Schreiben zu verzeichnen, stärkt das Selbstbewusstsein und motiviert, das Leben, die berufliche Situation und die eigene Gesundheit wieder selbst in die Hand zu nehmen.

Unterstützung für Lernende und Kontaktpersonen

In Rheinland-Pfalz ist „GrubiNetz – Kompetenznetzwerk Grundbildung und Alphabetisierung“ eine wichtige Anlaufstelle für alle Fragen rund um das Thema „Menschen auf dem Weg zur Schrift“. Ziel von GrubiNetz ist es, für Menschen mit Grundbildungsbedarf eine möglichst flächendeckende Unterstützungsstruktur zu schaffen, etwa mit Alphabetisierungskursen an Volkshochschulen oder niedrigschwelligen Lerncafés, die es an verschiedenen Orten in Rheinland-Pfalz gibt.

GrubiNetz bietet außerdem Beratung an – nicht nur für Menschen, die Lesen und Schreiben lernen wollen, sondern auch für alle, die mit diesen in Kontakt sind. Mitarbeitende von Gesundheits- und Beratungsangeboten, von Behörden und anderen Einrichtungen des öffentlichen Lebens erfahren hier, wie sie sich sensibilisieren und wie sie helfen können.

Auf die eigene Sprache achten

Vor dem Hintergrund des funktionalen Analphabetismus und dessen Auswirkungen auf die Gesundheit ist es besonders wichtig, dass Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte, Kliniken, Beratungsstellen, Behörden und andere öffentliche Einrichtungen auf gelingende Kommunikation achten. Hinweistafeln können mit Piktogrammen versehen werden, Informationen sollten in einfacher Sprache verfasst sein. Verzichten Sie auf lange, verschachtelte Sätze sowie auf Fach- und Fremdwörter. Bedenken Sie, dass die wenigsten Menschen die gleichen Fachkenntnisse wie Sie selbst haben. Für verständliche Informationen sind mit Sicherheit die meisten Personen, mit denen Sie zu tun haben, dankbar – egal wie gut oder schlecht sie lesen können.

© Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG)
Text: Susanne Schneider, www.freistil-texte.de
Redaktion: Birgit Kahl-Rüther, Mail: bkahl@lzg-rlp.de


Weiterführende Links

Einen umfassenden Überblick zum Thema Analphabetismus, auch mit filmischen Fallbeispielen, bietet das AlphaPortal für Grundbildung und Alphabetisierung in Rheinland-Pfalz

Kompetenznetzwerk Grundbildung und Alphabetisierung Rheinland-Pfalz – GrubiNetz

Über LEO-Studie und Alpha-Dekade zu Grundbildungsdefiziten

Zur abnehmenden Gesundheitskompetenz in Deutschland

Mehr zum Zusammenhang zwischen Lesekompetenz und Gesundheit

Video Erkennen und Ursachen von funktionalem Analphabetismus

Diese Institutionen unterstützen die rheinland-pfälzische Initiative für Alphabetisierung


 

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