Adipositas im Blick
Politik in Rheinland-Pfalz sieht großen Handlungsbedarf
Unter der Überschrift „Adipositas – sichtbar chronisch krank“ diskutierten am 18.03.2025 Mitglieder des Gesundheitsausschusses und des Landtags Rheinland-Pfalz gemeinsam mit Expertinnen und Experten des Adipositas-Netzwerks Rheinland-Pfalz die aktuelle gesundheitliche Versorgung von Menschen mit erheblichem Übergewicht (Adipositas).
Steigende Zahl von Betroffenen
Von Übergewicht sind rund 60 Prozent der deutschen Bevölkerung betroffen, jeder vierte Deutsche gilt bereits als adipös, also stark übergewichtig. Alarmierend dabei ist, dass bei immer mehr Kindern eine Adipositas diagnostiziert wird. Diese Entwicklung findet in vielen Ländern auf der Welt statt. „Man kann hier schon von einer Adipositas-Pandemie sprechen“, so der Vorstandsvorsitzende des Adipositas Netzwerks Rheinland-Pfalz, Dr. Johannes Oepen. Er führt aus: „Adipositas ist keineswegs Ergebnis eines schlechten Verhaltens oder eines schwachen Charakters. Vielmehr ist Adipositas eine chronische Erkrankung, die sich im Laufe des Lebens verschlimmert und durch die stetige Gewichtszunahme mit einer Inaktivität einhergeht.“
Folgeerkrankungen und Mobbing erschweren das Leben zusätzlich
Die Erkrankung habe letztlich biologische, soziale und psychische Ursachen. Dabei leiden die Menschen nicht nur unter dem Gewicht selbst, sondern auch an Folgeerkrankungen wie Diabetes, Herz-Kreislaufbeschwerden und Gelenkverschleiß, diese können eine verminderte Arbeitsfähigkeit und Arbeitsunfähigkeit verursachen und sind daher auch mit erheblichen volkswirtschaftlichen Kosten verbunden. Und nicht nur das: Sie sind häufig auch Mobbing – auch am Arbeitsplatz – ausgesetzt, was dazu führen kann, dass sich die Menschen zurückziehen und vereinsamen. Dabei schafft gerade Arbeit Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl, auch deshalb ist es wichtig, Menschen mit hohem Übergewicht in Arbeit zu halten und Dauerkrankschreibung, Arbeitslosigkeit oder Frühverrentung zu vermeiden. Dr. Katja Schippel-Coressel, die in ihrer Praxis in Edesheim selbst seit Jahren Menschen mit Adipositas behandelt, führt aus: „Adipositasbehandlung bedeutet für mich, mehr Gesundheit, Wohlbefinden und eine bessere Vitalität und Mobilität. Am allerwichtigsten ist mir aber, dass die Patientinnen und Patienten dauerhaft ärztlich betreut sind und sie eine individuelle Behandlung erhalten – und auch, dass sie vorurteilsfrei behandelt werden, wenn es mal nicht gut läuft“.
Forderung nach umfassendem Therapieangebot
Mittlerweile gibt es gute Therapieangebote. Leider dürfen die einzelnen Therapiebausteine nicht oder nur unvollständig von den Krankenkassen bezahlt werden, wie es Birgit Sattler, Vorstandsmitglied des Adipositas Netzwerks erläutert, so dass eine durchgängig erstattete Therapie nur in seltenen Fällen realisierbar ist. Trotz einiger Schwächen setzt sie daher auf das Disease Management Programm (DMP) Adipositas, das von der Politik ins Leben gerufen, aber noch nicht in der Praxis umgesetzt wurde. Darunter versteht man Behandlungsprogramme für Menschen mit chronischen Erkrankungen. Sie sollen eine hochwertige Versorgung der Betroffenen sicherstellen, z.B. durch eine gute Abstimmung unter-schiedlicher Behandlungen, regelmäßige Verlaufskontrollen und die Beratung und Schulung der Menschen im Umgang mit ihrer Krankheit. „Immerhin“, so Sattler, „könnte so eine ärztlich gesteuerte und begleitete Therapie begonnen und individuelle Therapieziele des Patienten festgelegt und gemonitort werden. Damit wären wir schon einen wichtigen Schritt weiter“.
Rainer Lange, Landeschef der DAK Gesundheit, führt aus: „Das DMP bedeutet auch die Umsetzung einer Reihe von Vorgaben, die in Zusammenarbeit mit den Kassenärztlichen Vereinigungen im Sinne der Behandlungsqualität umgesetzt werden müssen. Dies dauert eine gewisse Zeit!“. Die Vertreter des Adipositas Netzwerks wünschen sich hierbei einen Anstoß der Politik: „Schön wäre es,“ so Sattler, „wenn Rheinland-Pfalz zu den ersten drei Ländern Deutschlands gehören würde, die ein DMP Adipositas flächendeckend anbieten“.
Erfolgreiche Prävention als Ziel
Das Interesse und die Aufmerksamkeit der anwesenden Politikvertreterinnen und -vertreter am Thema „Adipositas“ war groß. Umstritten blieb jedoch die Forderung nach einem politischen Engagement für eine Zuckersteuer als eine zentrale Maßnahme, um Adipositas vorzubeugen. Die steuerlichen Einnahmen müssten in jedem Fall der Prävention und Behandlung der Adipositas zugutekommen, so ein Kommentar. Andere befürchteten eine zu starke Einmischung der Politik in den Alltag der Bürgerinnen und Bürger. Einig waren sich aber alle, dass mehr in Prävention der Adipositas investiert werden müsse „Wir dürften es gar nicht bis zu einer Adipositas kommen lassen,“ stimmte Dr. Oepen zu. „Dennoch braucht es für Menschen, die bereits an einer Adipositas leiden, mehr wirksame und durchgängig finanzierte Therapiekonzepte.”
Website: Adipositas Netzwerk
Kontakt: Dr. Johannes Oepen, Vorsitzender des Adipositas Netzwerks info@adipositas-rlp.de