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Presse

Drogenkonferenz 2018

Entstigmatisieren – Hilfen möglich machen

Zur Drogenkonferenz der Landesregierung kamen heute rund 300 Vertreterinnen und Vertreter der rheinland-pfälzischen Suchtkrankenhilfe zusammen. Gemeinsam widmeten sie sich der Frage, wie die Stigmatisierung von Menschen mit Suchterkrankungen überwunden werden kann, um Betroffenen einen besseren und schnelleren Zugang zu Hilfeangeboten zu ermöglichen.

„Das rheinland-pfälzische Suchthilfesystem ist gut ausgebaut, doch viele suchtkranke Menschen finden nicht den Weg in die Hilfeangebote oder werden erst erreicht, wenn die Erkrankung bereits weit fortgeschritten ist. Ein Grund dafür ist, dass Schuldzuweisungen, unterstellte moralische Verfehlungen und die geringe Akzeptanz von Sucht als Krankheit bei den Betroffenen zu Scham und Rückzug führen. Dies erschwert oder verhindert, dass angebotene Hilfen in Anspruch genommen werden können“, erklärte Gesundheits- und Sozialministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler die Auswirkungen gesellschaftlicher Stigmatisierung von Suchterkrankungen.  „Es ist ein wesentliches Prinzip rheinland-pfälzischer Suchtpolitik, abhängigen Menschen den Weg in ein suchtmittelfreies Leben zu ebnen und ihnen gesellschaftliche Teilnahme zu ermöglichen. Dazu gehört es, Entstigmatisierung auf allen Ebenen zu fördern und einzufordern“, so die Ministerin.

Die Drogenkonferenz fand bereits zum 40. Mal statt. Sie stößt jedes Jahr auf großes Interesse in Fachkreisen und ist auch als Netzwerkbörse geschätzt. Sie wird von der Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG) im Auftrag des Ministeriums für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie Rheinland-Pfalz durchgeführt. Die LZG unterstützt landesweit die Arbeit der Fachkräfte, die in der Suchtberatung und Suchttherapie tätig sind. „Unter anderem unterstützen wir die Beraterinnen und Berater darin, mit regionaler Öffentlichkeitsarbeit und geeigneten Präventionsmaßnahmen über die Entstehung einer Suchterkrankung aufzuklären, Tabus und Vorurteile abzubauen und so zu einem gesellschaftlichen Verständnis von Sucht beizutragen, welches Erkrankte nicht ausgrenzt und abwertet“, sagte Dr. Matthias Krell, Geschäftsführer der LZG.

Für Dr. med. Sven Speerforck von der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universitätsmedizin Greifswald ist die Stigmatisierung Erkrankter ein ethisches Problem, weil sie die Betroffenen benachteiligt und ihre Menschenwürde angreift. Stigmatisierung isoliere und entwerte gerade diejenigen Menschen, die eigentlich ein großes Maß an sozialer Unterstützung, Kraft und Selbstvertrauen benötigten, um ihre gesundheitlichen und psychischen Probleme zu bewältigen, so Speerforck. Sie vergrößere nicht nur die individuellen, sondern auch die gesellschaftlichen Folgen von Sucht. Ein stigmafreier Umgang mit Suchtkrankheiten sei aber möglich. Nicht Abwertung, Ausgrenzung und Disziplinierung, sondern Wertschätzung und Empowerment müssen im Zentrum von Prävention, Behandlung sowie dem alltäglichen Umgang mit Suchtkrankheiten stehen, ist der Experte überzeugt.

Peter Missel von den MEDIAN Kliniken Daun vermittelte einen Überblick über die Suchtkrankenhilfe in Deutschland, die im internationalen Vergleich gut aufgestellt sei. Das differenzierte System aus Suchtberatungsstellen, Selbsthilfegruppen, ambulanten, teilstationären und stationären Einrichtungen sowie haus- und fachärztlichen sowie psychotherapeutischen Behandlungsmöglichkeiten sei unverzichtbar für eine effektive Suchtkrankenhilfe und müsse erhalten bleiben.

Missels Ausblick auf die Herausforderungen, denen sich das Suchthilfesystem in Zukunft stellen muss, leitete zu den Themen der Foren über. Hier wurde beispielsweise diskutiert, welche Auswirkungen neue rechtliche Rahmenbedingungen auf die Betroffenen und die Drogenhilfe haben und ob das Bundesteilhabegesetz Menschen mit einer Suchterkrankung helfen kann, die soziale und berufliche Reintegration zu schaffen. Da Suchtprobleme unter Arbeitslosen stärker verbreitet sind als unter Erwerbstätigen, befasste sich ein Forum mit der Frage,wie die Jobcenter suchtkranke Menschen unterstützen und ihre Integration und Teilhabe verbessern können.

Ebenso wurden neue Möglichkeiten in der Sucht-Reha, etwa das Projekt der Deutschen Rentenversicherung Rheinland-Pfalz „Stärke durch Vernetzung“, vorgestellt. Weitere Foren befassten sich mit den Auswirkungen und der Überwindung von Selbststigmatisierung sowie mit dem Ansatz „Community Reinforcement Approach“. Dieser setzt darauf, für suchtkranke Menschen sinnstiftende Ziele im Alltag zu verankern, um Konsumkontrolle oder Abstinenz attraktiv zu machen – ein Ansatz, der nur in Verbindung mit einer Entstigmatisierung von Sucht gelingen kann.

V.i.S.d.P. Dr. Matthias Krell, Geschäftsführer

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